Archiv der Kategorie 'Vorträge und Diskussionen'

Was ist was? Der Diskurs. dokumentiert aus der Spunk, Oktober 2001

Focault sagt Diskurs

Michel Foucault war ein schwuler Wissenschaftler, der in Frankreich lebte und viel dazu geschrieben hat, wie Machtverhältnisse im Kleinen erzeugt und aufrecht erhalten werden.
Allen Anfeindungen zum Trotz hat er niemals behauptet, dass seine Analysen alle gesellschaftlichen Machtverhältnisse erklären können.

Diskursanalyse als Erweiterung marxistischer Analyse

Fortschrittlich Focault lesen bedeutet, seine Erkenntnisse zur Erweiterung der Analyse für die Fälle, in denen eine rein ökonomische Erklärung scheitert, zu sehen.

Diskurs ermöglicht Sinn durch Begriffe und Bedeutungszusammenhänge

Im Lexikon steht, Diskurs sei die Menge der Aussagen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt logisch und grammatisch möglich wären. Im engeren Sinne ermöglicht Diskurs Sinn, indem er Dinge mit einem Begriff versieht und diesen Begriff in einen Bedeutungszusammenhang stellt. Das geschieht in der Regel durch Übereinkünfte. Eine gewisse Menge Menschen ist sich einig, daß ein Begriff ein Ding bezeichnet, das sich zu anderen Dingen in bestimmter Weise verhält. Sinnvolle Kommunikation ist da möglich, wo unter den Beteiligten genügend Übereinstimmung bezüglich der Begriffe herrscht.

Spezialdiskurs neben dem Alltagsdiskurs

Je nach dem, mit wem wir über was in welchem Zusammenhang reden, führen wir alle mehrere Diskurse.
Bestimmte Berufsgruppen haben Spezialdiskurse, die Begriffe enthalten, die für die Normalbürgerin mehr verwirrend als erhellend wirken. Wer schon mal im Computerladen war, weiß, was ich meine.

Menschen schaffen Begriffe

Die Begriffe dieses Diskurses stammen aus technischen Dokumenten oder aus der Marketing-Abteilung der Computerfirmen. Aber auch der Duden stellt Begriffe für Diskurse bereit und eine unerschöpfliche Quelle stellt die wissenschaftliche Literatur bereit.

Nur wer den selben Diskurs teilt, kann sinnvoll kommunizieren

Wie oben schon gesagt, ist sinnvolle Kommunikation nur möglich, wenn die Beteiligten einen Diskurs teilen. Wenn also eine Marxistin und eine bürgerliche Soziologin über die Klassengesellschaft reden, werden sie kaum etwas sinnvolles produzieren, weil der Begriff Klasse bei Marx und Weber etwas anderes bedeutet und in eine grundlegend andere Theorie eingebettet ist.

Begriffe wandern von Diskurs zu Diskurs

Oft wandern auch Wörter aus dem einen Diskurs in den anderen.

Internet ist nicht das WWW

Dabei können sie ihre Bedeutung ändern und in vollkommen anderem Kontext wieder auftauchen. Zum Beispiel ist der Begriff Internet vom Spezialdiskurs der NetzwerkspezialistInnen in den Alltagsdiskurs gewandert, er bedeutet dort jedoch was anderes.

Begriffe funktionieren in Diskursen wertend

Aber der Diskurs macht noch mehr. Zu der reinen Benennung stellt er Begriffe in einen Zusammenhang und funktioniert dadurch wertend. Zum Beispiel bedeuten die Begriffe totalitär und ganzheitlich eigentlich das selbe (das große Ganze betreffend).

Wertung entsteht mit dem diskursiven Zusammenhang

Nur steht der eine im Zusammenhang mit DDR und NSDAP mit fiesen verfassungsfeindlichen Gestalten und der Randale am ersten Mai. Der andere ist Leitbegriff der Agenda 21 (1) und taucht eher im Zusammenhang mit Mülltrennung, Bachblütentherapie und naturnaher Waldbewirtschaftung auf.

Diskurs kanalisiert Analysen

Durch die konstruierten Zusammenhänge kanalisiert der Diskurs die Analyse des Gegenstandes. Wenn heute in der Soziologie nicht mehr über Klassen geschrieben wird, sondern die Stellung im Produktionsprozess als Milieu oder mit Hilfe der Lebenswelt beschrieben wird, so ist vollkommen klar, daß Armut in dieser Analyse auf persönliches Versagen zurückzuführen ist und auch ebenso behoben werden muß.

Die Kontrolle über Diskurse ist eine Machtfrage

Die Macht, Begriffe zu besetzen und positiv oder negativ zu belegen heißt diskursive Macht.
Wie sehr sie Handeln beeinflussen kann, zeigt das Beispiel der Fluchthilfe.

Fluchthelfer – Schlepperbanden – Menschenhändler

Die Leute, die Menschen gegen Geld über Grenzen bringen, hießen vor 1990 in der BRD Fluchthelfer. Nach der Wende war die deutsche Ostgrenze plötzlich keine unrechtmäßige mehr und das Geschäft wurde unangenehm. Bei einer europäischen Innenministerkonferenz wurde neben dem härteren Vorgehen gegen illegale EinwandererInnen eine neue Sprachregelung beschlossen und aus Fluchthelfern wurden über Nacht Schlepperbanden und Menschenhändler.
Bezeichnet wird nach wie vor dasselbe, nur steht Schleppen und Menschen handeln in einem vollkommen anderen diskursiven Zusammenhang. Nach „Hilfe“ und „Flucht vor dem Unrecht“ wird benannt(2), es geht nun vielmehr um „Banden“ die mit „Organisierter Kriminalität“ mit Menschen (am Ende gar Sklaven?) handeln.
Ohne die allgemeine Erkenntnis, daß Fluchthilfe böse ist, lässt sich kaum erklären, daß die meisten Flüchtlinge an der deutschen Ostgrenze durch aktive Hilfe aus der Zivilbevölkerung gefangen genommen werden.
Für politisches Engagement bedeutet die Diskurstheorie, zu analysieren, in welchem Zusammenhang die von uns benutzten Begriffe stehen und wie wir Diskurse emanzipatorisch beeinflussen können. Positives Beispiel ist der Titel der Kampagne Kein Mensch Ist Illegal.

(1) Das war so ein Entwicklungs- und Umweltpolitik-Programm für das 21. Jahrhundert, das 1992 auf nem Gipfel in Rio de Janeiro beschlossen wurde.
(2) Wow, das Beispiel ist noch immer aktuell, so wurden dieses Jahr im Oktober Fluchthelfer vom Bundesgauck-präsident mit einigem Trara und dem Bundesverdienstkreuz belohnt. Und eben nicht solche, die Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa bringen.

Sexuelle Codes. dokumentiert aus der Spunk, april 2002

Nonverbale Codes existieren viele. Menschen lächeln, verziehen ihr Gesicht oder sagen gar nichts, wenn eine Antwort nötig wäre.
In keinem Bereich ist aber die nonverbale Kommunikation der verbalen so überlegen wie der Sexualität. Hier ist der verbale Anteil so gering, daß Tips über ihre Anwendung ganzer Hefte Inhalt füllen: „Was Jungs wirklich denken“, „Wie du sagst, was du willst“ und „Ich trau mich nicht“ lauten so die Überschriften einschlägiger Publikationen.
Im Rahmen bekannter gesellschaftlicher Codes muß jedes Individuum, das sexuelle Wünsche hat, eine eigene, für sich passende Taktik im Laufe des Lebens entwickeln, doch an den ersehnten Spaß sexueller Lüste zu kommen.
Das ziemlich peinliche „Willst Du noch auf einen Kaffee mitraufkommen“ gilt als zu platt.
Das gilt qua bürgerlicher Vorstellung bis zur vollkommenen Durchdringung des Lebens.
Menschen trennen sich in Weiblein und Männlein, schminken sich, kaufen sich tolle Kleidung, verhalten sich möglichst attraktiv.
Und es ist genau die Ambivalenz der Taktik, die einerseits den Zwang hat(1), immer etwas zu verheimlichen, um nicht zu deutlich zu werden, die andererseits aber auch von vielen als Spaß machend empfunden wird (Flirten, zweideutige Blicke, …)
Jede Frage hingegen, die an eine Person des anderen Geschlechts gestellt, gar sexuelles Anliegen hat, wird somit sexualisiert. Das Interesse, eine Person anderen Geschlechts kennenzulernen, ohne Sex einzuschließen bzw. indem Sex explizit ausgeschlossen wird, wird dann als sexuelles Interesse umgedeutet. Die Frage „Wollen wir mal n Bier zusammen trinken?“ an eine Person anderen Geschlechts kann schon so zuviel werden(2). Der Person des gleichen Geschlechts wird mensch mit den Codes aber wohl nicht näher kommen und als „rein platonisch“ verstanden, weil sie vielleicht nicht erkannt werden oder von Heterosexualität als Norm ausgehen, denn Lust ist entweder heterosexuell oder sie ist es nicht.

Praxis

Was macht mensch nun, wenn mensch eine nette, bekannte oder auch unbekannte Person getroffen hat, die für eine Verabredung zum netten Plausch und Konsensfindung über sexuelle Vorlieben und anschließenden Praxisworkshop möglich erscheint? (3)
Ist das vergleichbar mit der Situation, wenn ich ein Mal mit x Volleyballspielen will oder auch länger und mit y nicht mehr oder nur mal gucken, wie es sich ergibt?
Ach, Quatsch, wir sind ja jetzt beim Hobby Sex und nicht Musik. Oder etwa doch? (4) (mehr…)

Was ist was? Kritische Theorie. aus der vertigo, dezember 2002

Die kritische Theorie:
Frankfurter Schule = Marx + Freud

Die Kritische Theorie ist die Theorie der „Frankfurter Schule“. 1924 hat sich eine Gruppe von Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen zusammen gefunden und mit freundlicher Unterstützung des sozialistischen Millionärs Felix Weil das Frankfurter Institut für Sozialforschung gegründet.
Ziel des Instituts war eine zeitgemäße Erweiterung der Gesellschaftstheorie von Karl Marx, bereichert um die neueren Erkenntnisse der Psychoanalyse. 1933 musste das Institut schließen und emigrierte zuerst nach Genf, später nach New York, wo frühe Studien über Antisemitismus und den „autoritären Charakter“ im bürgerlichen Staat entstanden. 1950 wurde das Institut in Frankfurt wiedergegründet.
Der Publikationen der Frankfurter Schule sind stark beeinflusst durch die Erfahrung des Nationalsozialismus und der Shoa, die gezeigt hat, wie hinter der Fassade der aufgeklärten bürgerlichen Welt „triumphales Unheil“ sich entwickeln kann.
Die prominentesten Vertreter der Frankfurter Schule sind Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Erich Fromm, Leo Löwenthal und Herbert Marcuse.

Eine kritische Theorie:
- Wissen ist im Kapitalismus eine Ware
- Politik schafft den Rahmen für Forschung
-> Wissenschaft ist nicht unabhängig von Gesellschaft
-> kritische Theorie kritisiert im Interesse von Emanzipation

Eine Kritische Theorie einer Gesellschaftstheorie, die sich in bestimmten Punkten von einer traditionellen Theorie abhebt.
Max Horkheimer hat 1936 entworfen, wie sich die beiden unterscheiden lassen.
Photograph taken in April 1964 by Jeremy J. Shapiro at the Max Weber-Soziologentag. Horkheimer is front left, Adorno front right, and Habermas is in the background, right, running his hand through his hair.Am Anfang steht für Horkheimer die Erkenntnis, dass Wissenschaft nicht unabhängig vom Gesellschaftlichen Zusammenhang funktioniert, sondern auf vielfältige Weise eingebunden ist: KeinE WissenschaftlerIn kann also behaupten, als AußenstehendeR auf die Welt zu blicken und ohne jede Befangenheit vom Untersuchungsgegenstand sprechen, als habe sie gar nichts damit zu tun. (Spätestens wenn das Geld für den nächsten Forschungsauftrag ausbleibt, wird sonnenklar, daß der vielzitierte „Elfenbeinturm“, also der Standpunkt außerhalb dessen, was betrachtet wird, nur Illusion ist.) (mehr…)

Viva la SPUNK – Vor zehn Jahren…

da gab es schon ne Weile verschiedene linksradikale Zeitschriften in Erfurt. Die bekannteste war wohl die „Spunk“, die jedesmal mit einem anderen Namen auf dem Titel veröffentlicht wurde. So richtige Zeitschriften zum Anfassen. DIY: zusammengebastelt, irgendwie selbst kopiert und zusammengeheftet. Ich habe mich immer gefreut, wenn auf einmal eine neue aufgetaucht ist.
ein foto mit zwei ausgaben der zeitschriften drauf. papier. hefte. selbst kopiert irgendwie und geheftet
In den nächsten Posts habe ich mal zwei Artikel von vor nun 10 Jahren in die Tastatur gehackt, damit die Texte nicht verloren gehen. Da ich keine Ahnung von Theorie und so habe, fand ich den ersten Artikel ziemlich gut, denn da wird erklärt, was kritische Theorie ist – verständlich erklärt! Das Foto habe ich jetzt mal dazu kopiert, so sieht mensch noch klarer, dass es hauptsächlich eine Theorie von Männern™ war. Und ist? Ja, Nein? Hm.
Der zweite Text über „sexuelle Codes“ ist heute noch genauso aktuell. Ist da denn überhaupt viel Theorie dazu gekommen? Nochmal hm. Nun gut, heute heißt es „sexuelles Skripting“. Den spannenden Workshop in Copenhagen habe ich leider dieses Jahr verpasst.
Als das besetzte Haus am Tag der Räumung plattgewalzt wurde, da waren auch einige Spunks darunter.
Kein vergeben! Kein vergessen!

Ohne Titel

Mal wieder in Jena unterwegs und hin ins „Volksbad“ – in Jena ist alles völkisch, das, wo Sarrazin vor ein paar Wochen gesprochen hat, heißt „Volkshaus“ – wo eine Podiumsdiskussion zum NSU stattfindet. NSU heißt jetzt nicht so wirklich Nabelschnur-Umschlingung oder Neckarsulm, wie bei der eine Bedeutung ziemlich krass ausblendenden die folgende Bedeutung meinenden, jedoch das nicht unbedingt erkennbar lassenden Mädchenmannschaft heute, sondern National-Sozialistischer-Untergrund. So nannten sich die Mörder, die in den vergangenen 12 Jahren mindestens 9 Menschen die sie für nicht deutsch genug hielten, ermordet haben.
Titel der Veranstaltung: „Verharmlosen, Verdrängen, Vertuschen. Rechter Terror: Das Versagen der Behörden und die Wut der Angehörigen.“ Am Anfang sah es so aus als diese wirklich mal im Blickpunkt stehen, als ein Video-Beitrag über die Familie eines der Ermordeten eingespielt wird. Wie sie von den Behörden und der von diesen gelenkten Presse selbst als Täter behandelt wurden. Keine Entschuldigung. Die Trauer, die nicht weggeht. Das immerwährende Dran-bleiben-müssen an einer Aufklärung der Geschichte. Doch nach Yavuz Narin, dem Anwalt der Familie von Theodoros Boulgarides, haben schnell die Politiker das Sagen. Auch wenn von Narin und Hajo Funke immer neue Fakten über die Zusammenarbeit der Behörden mit den Nazis genannt werden, weder die SPD-Person aus dem Bundes-Untersuchungsausschuss, noch der Thüringer Innenminister wollen natürlich den Verfassungsschutz abschaffen. Letzterer hat natürlich volles Vertrauen zu seinen Behörden. Der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz ist zwar betroffen von den Taten der Nazis. Doch es sind natürlich die Anderen. In der Polizei selbst gibt es keine Nazis. Dann sitzt da noch Michael Buback und erzählt die ganze Zeit von der RAF damals. Am Schluss meint dann der Innenminister Geibert sinngemäß, dass er die Extremismusklausel (was das ist: mehr dazu hier) doch ganz gut findet. Und er sagt, er habe Vertrauen in den Rechtsstaat. Buback sagt, er habe Vertrauen in den Rechtsstaat. Und selbst der Anwalt der Familie Boulgarides sagt, er habe Vertrauen in den Rechtsstaat.
Dann ist die Aufzeichnung (online jetzt hier) beendet und es dürfen noch Fragen aus dem Publikum gestellt werden. Geibert kann nicht so recht erklären, was ein V-Mann ist. Dann steht da plötzlich der Vater von einem der Mörder und sagt, dass der Verfassungsschutz abgeschafft werden muss.
Als sich noch mehrere kritische Nachfragen an den Innenminister richten, bricht der Moderator schnell die Veranstaltung ab.
Naja, was habe ich auch erwartet. Wenn es um „den Fokus der Opfer“ gehen soll, aber gleich zwei CDU-Politiker und eine SPD-Frau auf der Bühne sitzen, von sechs Leuten nur eine Person, die die Opfer vertritt.
Auf dem Nachhauseweg treffe ich Bea. Bea ist total bürgerlich und schon seit Jahren gegen Nazis engagiert. Einfach weil sie empört ist. Und heute ist sie wütend. Sie würde ihre Wut nie herausschreien, würde sie? Sie sagt: „Die wissen alle genau wie weit sie gehen können.“
Meine Wut kommt erst später. Ich bin allein damit und weiß nicht, wie ich sie ausdrücken kann.

ein foto mit den vom nsu ermordeten personen

Was in Erfurt so alles verboten ist

Alle paar Jahre mache ich es mir in der Badewanne gemütlich. Gestern war es wieder soweit. Dabei habe ich aber den Fehler gemacht, nicht wie sonst eine von den vielen „Die drei ???“-Kassetten einzulegen, nein es lief die Podiumsdiskussion „Braucht es heute noch Widerstand und Rebellion?“ (Download, hier, mp3, ca 60 mb) aus dem Theater Erfurt von vorgestern. Anlass war die Aufführung der Oper „Robin Hood“. Bei der Diskussion mitgespielt haben Vizebürgermeisterin Tamara Thierbach, CDU-Stadtrat Thomas Hutt, die „ehemaligen Hausbesetzer“ Pascal und Christian und Johannes Smettan. Die Linke Tamara Thierbach forderte ein Recht auf Arbeit. Ich sprang nicht aus dem Wasser und ruinierte vor Nässe triefend das Notebook, indem ich die Aufnahme stoppte. Immerhin forderte Christian dann das „Recht auf Faulheit“. Aber dann kommt Regisseur Jürgen R. Weber und behauptet, kurz bevor er die Hausbesetzer_innen mit den Roten Khmer in einen Topf wirft:

„Das interessante ist ja, dass man im Moment auch nicht arbeiten muss. […] Du hast hier total das Recht, die Flaschen abends aus dem Mülleimer zu holen und davon zu leben!“

Auch das ist völliger Unsinn und einfach falsch. Ein Blick in die „Ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in der Landeshauptstadt Erfurt (Stadtordnung) vom 16. Mai 2003“ (download: hier, pdf) hilft da weiter.

§ 4 Abfallbehälter
(2) Abfallbehälter aller Art, Sammelbehälter zur Rückgewinnung von Rohstoffen und Behältnisse von Streugut dürfen nicht durchsucht, Gegenstände daraus nicht entnommen oder verstreut werden.
[…]
§ 15 Ordnungswidrigkeiten
(1) Ordnungswidrig im Sinne des § 50 ThürOBG handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig
7. entgegen § 4 Abs. 2 die dort genannten Behälter durchsucht oder aus ihnen Gegenstände entnimmt oder verstreut,
(2) Die Ordnungswidrigkeit kann gem. § 51 ThürOBG mit einer Geldbuße bis zu 5000,00 Euro geahndet werden.

Jetzt könnte mensch ja auf die Idee kommen, die leeren Flaschen neben dem Mülleimern abzustellen, damit die Flaschensammler_innen diese nicht durchwühlen müssen. Ne ne, das ist auch VERBOTEN und wird als Ordnungswidrigkeit ebenfalls mit einer Geldbuße bis 5000 Euro bestraft. Kackstadt.
Na gut, immerhin hat die Polizei gerade wichtigeres zu tun. Das wichtigste Thema des Tages ist, wer den Polizeieinsatz beim Papstbesuch im September leiten darf. Wird es vielleicht Jürgen Loyen?

SoKo-Leiter bei den Mafiamord-Prozessen, Räumung Besetztes Haus, Neonazi-Demonstrationen, Krawall-Fußballspiele, Bandidos-Prozesse und die Sendung „Wetten dass?“ – Loyen gilt als erfahren bei Großeinsätzen. Ob der 46-Jährige für die Sicherheit des Heiligen Vaters und der erwarteten 100.000 Gläubigen sorgen wird, ist noch nicht entschieden. Es heißt, es liegen mehrere Bewerbungen vor. Es geht um Prestige und Politik.


Quelle: http://erfurt.thueringer-allgemeine.de/web/erfurt/startseite/detail/-/specific/Sicherheit-fuer-den-Papst-in-Erfurt-1303572633

Eine gepflegte Empörungsveranstaltung in Jena

Am Donnerstag war ich mal wieder in Jena und bin quer durch die Stadt zum Imaginata-Umspannwerk gelaufen zur Podiumsdiskussion unter dem Titel „Rechts empört!“. Dabei waren Bürgermeister Albrecht Schröter (SPD), Luise Zimmermann und Christoph Ellinghaus vom Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus, Jugendpfarrer Lothar König und der Polizeichef René Treunert. Und mensch hatte Glück kostenlos diesem Event beiwohnen zu dürfen:

Entgegen bisheriger Ankündigungen auf Plakaten, Flugblättern oder im Internet verzichtet die Imaginata auf ein Eintrittsgeld, da dieses Thema von besonderer Bedeutung für die Stadt Jena ist.*

Es war nicht so lustig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Auf der Technoparty am Abend irgendwo in Jena gab es nicht weniger Inhalt, dafür aber weniger Selbstbeweihräucherung. Aktuelle Streitpunkte wie die Frage nach dem (Un-)sinn von Massenblockaden wurden gekonnt umschifft. Aber seht selbst**:
Moderator Wildfeuer: Warum empören wir uns? Zum Beispiel über „astronomische Managergehälter“?
Vielleicht ist es im Laufe der Diskussion möglich „aktivierende Vorschläge zu machen, die uns allen gut zu Gesicht stehen.“ Was war eigentlich der „erste Meilenstein, da wurde ich mit Rechtsextremismus konfrontiert“ für Sie?
Schröter: Tod des Großvaters im Krieg 1945 hat den Vater stark geprägt und der hat mich geprägt. Und das Buch „Exodus“ von Leon Uris.
Zimmermann: Das speist sich daraus, dass ich finde, dass das in vieler Hinsicht ein Problem ist.
König: Das wird hier eine „gepflegte Empörungsveranstaltung“. Erstmals konfrontiert mit Neonazis beim Überfall auf die Zionskirche. Und in den 1990ern Glatzen in Jena, 1991 schwerer Überfall von Nazis, wo (Betroffene) auch hätten tot sein können. Das, was in den 90ern abging, „interessiert heute keinen von der Stadt.“ 2000 kam dann Antifaschismus von oben her. „Dem glaub ich nicht so ganz.“ – „Wer heute nicht gegen rechts ist, kriegt ja direkt Karierreprobleme!“
Treunert: Politische Neutralität von Beamten. Ist auch gut. Würde trotzdem gern manchmal anders als man darf. Demonstrationskultur bla. Am 1. Mai in Erfurt als der Oberbürgermeister (Bausewein, SPD) nicht zur Sitzblockade durchgelassen wurde, hat jener zu mir gesagt: „Treunert ist Ihr Name? Ich werde ihn mir merken. Wir hören noch voneinander!“ So geht das nicht.
Ellinghaus: 1988 haben wir in einer Kneipe im Ruhrgebiet gesehen, dass sich die NPD da trifft. Das war „unfassbar“. 1991 Gewalt in Jena in einem Ausmaß, das heute nicht mehr da ist. (mehr…)

Zusammenfassung zum Vortrag von Manfred Freiling „Krieg und Frieden – 2 Seiten einer Medaille“

Am Donnerstag bin ich nach Jena gefahren und habe mir die Veranstaltung mit Manfred Freiling „Krieg und Frieden – Zwei Seiten einer Medaille: Die Konkurrenz der Staaten um Weltmarkt und Weltmacht“ angeschaut. Sehr viel mehr neues, als das, was in der ausführlichen Ankündigung zum Vortrag steht, gab es da auch nicht mehr zu hören.
Sind Krieg und Frieden ein totaler Gegensatz? Das sei abhängig, wie sehr mensch selbst davon betroffen ist. Ist mensch nicht direkt betroffen, dann seien es zwei Seiten einer Medaille: Wenn es Kapitalismus, Staaten und Handel gibt, führt dies zwangsläufig zu Krieg. Dieser ist die millitante Seite der Staaten im Konkurrenzkampf um Kapital.
Dann meint Manfred noch: „Soldaten sind Mörder. Der Satz ist genaugenommen falsch.“ Sie seien vom Staat beauftragt und legitimiert. „Die Aussage: ‚Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.‘ […] ist ein Luxus derer, die Friedensphantasien haben. Den Völkern wird der Krieg gebracht. Sie gelten als menschliche Schutzschilde ihrer Staaten.“ Für die Frage, ob es Krieg oder Frieden gibt, sei entscheidend, ob die Richtigen regieren.
Nach dem Vortrag dann die Diskussion: Es wurde festgestellt, dass Haiti kein Militär hat. Die Begründung des Irakkriegs wird von Manfred kritisiert: „Waffen? Sind nicht alle Waffen Massenvernichtungswaffen?“ Jemensch im Publikum: „Ich schaue jetzt ganz betroffen auf mich selbst und frage: ‚Liegt das nicht in der Natur des Menschen, aggressiv zu sein und Gewalt einzusetzen und Krieg zu führen. Was liegt in mir verborgen?‘ Manfred verwundert: „Wie kommst du bloß darauf?!“ und: „Ich habe kein Menschenbild.“
Das mit dem Öl von BP war ein Unfall.
Eine Zuschauerin: „Aber Staaten sind doch etwas gutes. Und Handel und Arbeitsteilung doch auch.“ Wenn da was nicht funktioniere, seien „die Politiker“ halt korrupt.
Auf den Vorschlag, Staaten abzuschaffen, erwidert ein Mann im Publikum, dass das nicht gehe wegen der Kriminalität. Er sei Hartz-IV-Empfänger und früher als es noch die Volkspolizei gab, sei eh alles besser gewesen. Und: „Ich war Bausoldat, das war nicht so schlimm. Mit den Jungs von der Stasi kam ich gut klar.“