Archiv der Kategorie 'Topf & Söhne-Gelände'

Was machen eigentlich… Michael Panse und LSVD?

Panse (CDU) hat gerade ein neues Hobby bekommen: Er wurde in Thüringen zum zentralen Ansprechpartner für das Thema Antidiskriminierung ernannt. Oder – so der Lesben- und Schwulenverband Thüringen – „Michael Panse ist Anwalt für Rechte von Lesben und Schwulen“.
Panse hat jahrelang gegen das besetzte Haus in Erfurt gehetzt und nach der Räu­mung Menschen, die von der Polizei misshandelt wurden, im Landtag verhöhnt, sowie 88 Nah­auf­nah­men von der Sitz­blo­cka­de vor dem Tor auf sei­ner Web­sei­te ver­öf­fent­licht. Für diese ex­zel­len­te An­ti-​An­ti­fa-​Ar­beit dankte ihm die vom Verfassungsschutz finanzierte rechts­ex­tre­me „Bür­ger­be­we­gung Pro Er­furt“ und rief bei der folgenden Kom­mu­nal­wahl zur Wahl Panses auf.
Nun gratuliert der LSVD, dessen Hauptaufgabe es ist, sich bei den HERRschenden anzubiedern, Panse folgerichtig „sehr herzlich“.

08.12. Erfurt: Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort – Lesung und Party

Das besetzte Haus in Erfurt ist nun schon vor dreieinhalb Jahren geräumt worden. Nun gibt es eine Broschüre, die beim graswurzel-verlag bestellt werden kann (12,90 €).
Abbildung des Buchtitels. Unter dem Titel ist ein Foto von der Hausfassade. In einem Fenster sitzen zwei Menschen und lassen die Beine heraus baumeln.„Die Hausbesetzung auf dem ehemaligen Gelände der Erfurter Firma Topf & Söhne, die in der Zeit des Nationalsozialismus Krematoriumsöfen für Konzentrations- und Vernichtungslager hergestellt hatte, war in den 2000er-Jahren eines der bekanntesten linksradikalen Projekte in Deutschland. Das Buch will die Erfahrungen dieser Zeit festhalten. Mit Erzählungen und Analysen rekonstruieren wir gemeinsame Kämpfe und interne Streitigkeiten, sprechen mit anderen Beteiligten über Ratten und Debatten und bieten dazu einen Überblick über die Hausbesetzer_innenszene der 1990er-Jahre in Erfurt und die historische Bedeutung der Firma Topf & Söhne.“
Erlebnisse, die sich tief eingebrannt haben. Auch bei mir: Wie ich das letzte Mal die Stufen von meinem Lieblingsplatz hinunterging und wußte, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich es nie wieder sehen würde. Plenums, die von abends um sieben oder um acht bis nachts halb eins gingen. Rundgänge mit ein oder zwei Personen, die es noch nicht gesehen hatten, über das Geschichtsgelände. Der Verfall. Partys mit vollgekoksten „Das-darf-ich-hier-nicht-sagen.“-Mackern. Mein eigenes Versagen. Der Geruch. Schlafen, obwohl der Boden vom Techno-Gewummer zwei Etagen drunter bebt. Kälte, trotz zwei Schlafsäcken. Den Hof kehren. Sicherheit. Abenteuer, das von Bullen umstellte Gelände umgehen und sich durch die Schrottwüste hindurchschlagen. Schicke Antifas.
Naja und so weiter, jedenfalls gibt es eine Buchvorstellung und Releaseparty für die Broschüre:
„Am 08.12.2012, 20.00 Uhr, im Filler in der Schillerstraße 44 in Erfurt.
Es spielen mehrere, zum Teil mit dem Haus assoziierte Bands, dazu lesen verschiedene Autor_innen ihre Texte.
Es spielen [geupdatet]: Kenny Kenny Oh Oh, Failed Suicide Plan, Schachtelmund und DJ Creepy – elektro/electronica
Es lesen: Anna und Arthur

Streetart erinnert an Räumung von Topf & Söhne vor zweieinhalb Jahren


Schwer bewaffnete Polizei-Sondereinheiten auf dem Dach eines antifaschistischen selbstverwalteten Projekts – das ist Thüringen. Diese Streetart auf einem Werbeplakat in der Weimarischen Straße in Erfurt erinnerte heute an die gewaltsame Räumung des ehemaligen Topf&Söhne-Geländes am 16.04.2009. Gegenüber befindet sich der Parkplatzes, an dessen Stelle sich das Haupthaus der Besetzung befand und der jeden Tag deutlich macht, dass es eine Lücke in Erfurt gibt, die bis heute nicht gefüllt werden konnte. via

Deutschland als moralische Supermacht.
Erfurt das Zentrum.
Mittel: Der Erinnerungsort auf dem Topf & Söhne-Gelände

Form: Bereinigung des Geländes
Martialische Räumung des Besetzten Hauses im April 2009. Nach dem Abriss aller – außer des Verwaltungsgebäudes – historischen Gebäude auf dem Topf- und Söhne-Gelände wurden Einkaufsmärkte, Parkplätze und im Verwaltungsgebäude der Erinnerungsort errichtet. Preisgekrönt versteht sich:

Architekturpreis für Erfurter Erinnerungsort „Topf & Söhne“.
Gold gab es für die Gestaltung des Erinnerungsortes auf dem Gelände des Krematoriumsherstellers für Auschwitz.[1]

Inhalt: Bereinigung der Vergangenheit
Kapitalismus, was sonst?

Nach der Räumung des Besetzten Hauses wurde das Gelände der kapitalistischen Verwertung wieder überantwortet. Dass dies mittels Fressnapf, Drive-Bäckerei oder Eigentumswohnungen realisiert wird liegt klar auf der Hand. Doch wie lässt sich aus dem Verwaltungsgebäude mit der Ausstellung, die keinen Eintritt kostet, Gewinn erzielen? Als praktischer Werbeträger für die Stadt Erfurt, mehr noch für die Stadt Erfurt in Deutschland.

Vorspiel: Die Wanderausstellung Topf & Söhne
Die Ausstellung war vorher schon auf Europa-Tournee. Ziel?

„Die Ausstellung trägt dazu bei, im Ausland zu zeigen, dass Deutschland mit seiner Vergangenheit kritisch umgeht“[2]

so Ausstellungsleiterin Annegret Schüle im März 2010. Oder wie Stadtmuseumsdirektor Hardy Eidam sagte:

die Stadt Erfurt könne nicht nur mit goldenen und glänzenden Dingen aus der Geschichte zu einem guten Image beitragen.[3]

Deutschland in den 1990ern: Krieg führen nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz! Erfurt 2010: Deutschlands hat ein gutes Image nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Natürlich wegen seines vorbildlichen Umgangs damit.
Damit will ich nicht sagen, dass die Ausstellung per se blöd ist, die Ziele die damit propagiert werden sind es.

August 2011: Deutschland als moralische Supermacht.
Erfurt das Zentrum.

Am 13. August weiß die Thüringer Allgemeine zu berichten:

15 muslimische Studierende, die am Sommerkurs „Muslims in the West“ der Universität Erfurt teilnehmen, erfuhren am Erinnerungsort im Sorbenweg gestern aber nicht nur etwas über den Anteil der Erfurter Ingenieure am Holocaust.
Daberstedt. „Sie erfahren hier auch, wie offen und kritisch in Deutschland mit der schrecklichen Vergangenheit umgeht“, sagt Professor Jamal Malik vom Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität, der die Summer School organisiert hat, zum inzwischen zehnten Mal.

„Damit ändern wir ihr Leben radikal“, ist Malik sich sicher. Denn in vielen ihrer Herkunftsländer – Indien, Bangladesh, Pakistan, Türkei oder Bosnien – wurden oder werden ethnische Gruppen wenigstens ausgegrenzt oder gar ausgelöscht. Und dieses Thema im eigenen Land tabuisiert. Da könnten Deutschland und Erfurt Vorbild sein für einen offeneren Umgang, glaubt Malik, der mit den Studierenden auch Buchenwald besuchte. „Sie kehren selbstkritischer zurück, dies ist ein zentraler Punkt in ihrem Leben“, ist der Professor sich sicher.[4]

Es wird nicht nur ein Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit gezogen, das Tätervolk wird nicht nur zu einer geläuterten Nation, nein vielmehr es wird zu einer Vorbildnation, zu einer moralischen Supermacht. Den dummen Moslems wird mal überlegen gelehrig gezeigt, was Demokratie ist! Das ganze in einem Bundesland, wo Flüchtlinge mit Zahnschmerzen nicht behandelt, sondern ihnen die Zähne gezogen werden.[5] Werden in und durch Deutschland Menschen wenigstens ausgegrenzt oder gar ausgelöscht? Nein, keine Angst, es gibt keine Flüchtlinge in Lagern, denen Gutscheine zugeteilt werden und Flüchtlinge im Mittelmeer sterben auch nicht dank deutscher Unterstützung. Alltäglicher Rassismus, Antiziganismus, Abschiebungen, Antisemitismus und Arbeitswahn? Gibt es hier nicht. Besonders natürlich nicht in Erfurt!

Quellen:
[1] Thüriger Allgemeine vom 20.07.2011, http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Architekturpreis-fuer-Erfurter-Erinnerungsort-Topf-Soehne-128790061
[2] Thüringische Landeszeitung, 03.03.2010 http://www.topf.squat.net/texte/presse/2010_03_03_tlz.html
[3] zitiert nach ebd.
[4] Thüriger Allgemeine vom 13.08.2011, http://erfurt.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Muslimische-Studenten-bei-Topf-Soehne-302242265
[5] Thüringer Flüchtlingsrat 27.07.2011, http://www.fluechtlingsrat-thr.de/index.php/presse/361-zaehne-ziehen-statt-behandeln; Thüringer Allgemeine 28.07.2011, http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Zaehne-von-Asylanten-werden-gezogen-und-nicht-behandelt-666678436

Sozialwohnungen auf dem Topf & Söhne-Gelände bald bezugsfertig


Vor zwei Jahren, als in Erfurt debattiert wurde, ob es nötig sei, das ehemalige Topf & Söhne-Gelände platt zu machen und neu zu entwickeln, lautete eines der Argumente der Stadtspitze, es würden dort dringend benötigte Sozialwohnungen entstehen. Irgendwie wusste man damals schon, dass das gelogen ist. Immerhin steht in Erfurt einiges leer und wenn etwas den Zugang zu billigem Wohnraum beschränkt, dann die Zurückhaltung der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft bei der Vermietung von Altbauten.
Seit ein paar Tagen kann man nun in der Rudolstädter Straße sehen, was bald auf dem Gelände entstehen wird (rechts) und wie es früher einmal dort ausgesehen hat (links). So werden denn bald Eigentumswohnungen zum Verlieben auf den Trümmern von Montagehallen und Zwangsarbeiterbarracken gebaut. Da freut man sich sich doch auf’s Sektchen in der Badewanne.
via Infoladen Sabotnik

„Welches Gewerbe passt zu den Ofenbauern von Auschwitz?“

Immer wieder stellt Historikerin Annegret Schüle diese Frage. Und beantwortet sie schließlich selbst: Supermärkte nicht. Aber ein Bäcker, ein Gartencenter und ein Fressnapf. Aber von Anfang an berichtet:
Nachdem das Gartencenter auf dem ehemaligen Topf & Söhne-Gelände mit schönen Grabgestecken und die elmi-Bäckerei mit „ofenfrischen Brötchen“ auf „dem ehemaligen ‚Topf & Söhne‘-Gelände“ warben und dafür in einer Pressemitteilung kritisiert wurden, kam der Förderkreis Topf und Söhne zu Hilfe und verteidigte die armen Gewerbetreibenden. Gestern wurde in die Bäckerei eingeladen um „die Versöhnung von Wirtschaft und Erinnerung“ (Infoladen Sabotnik) zu feiern. Leckere Brötchen frisch aus dem Ofen gab es nicht, dafür durchschnittlichen Kaffee und arg trockenen Schokoladenkuchen.
Bei der Vorstellung der Anwesenden vergaß Rüdiger Bender, Chef des Förderkreises, nicht zu erwähnen, dass der Chef der elmi-Bäckerei „Pate für eine Gedenkstele“ ist. Die sind zwar noch nicht fertig, weil das baulich so schwierig ist. Ein paar Einkaufsmärkte zu errichten ist da einfacher und auch wichtiger. Wie überhaupt die Vermarktung des Geländes Priorität hat.
Besonders schlimm für die Gewerbetreibenden und den Förderkreis ist, dass Linke-Abgeordnete und DBG-Organisationen die kritische Pressemitteilung unterschrieben haben. Die Werbung ist nicht pietätlos und damit Punkt. Aber auch ein Überlebender des KZ Buchenwald hat doch auch die Erklärung unterschrieben. Na und? Definieren, was pietätvoll ist, tun Förderkreis und Händler_innen. Bender: „Hier findet Handel und Wandel statt. Das ist produktive Irritation.“ Worin bei der jetzigen kapitalistischen Verwertung diese „produktive Irritation“ genau liegt, vermag er nicht zu sagen. Und überhaupt sollen sich die Leute wegen der Werbung mal nicht so haben: „Topf & Söhne war die Zerstörung jeglicher Form von Grabkultur. Das Gegenteil davon ist, im Gartencenter einzukaufen.“ Für den Totensonntag. Für die eigenen Angehörigen: „Das ist pietätvoll!“
Aber na gut, da sich so viele aufregen, verspricht schließlich die Bäckerei nicht mehr mit „Brötchen frisch aus dem Ofen“ zu werben, sondern mit „stündlich frischen Waren“. Man ist ja Geschäftsmensch und negative Publicity ist schlecht fürs Geschäft. Die elmi-Bäckerin weiß: „An diesem Ort sind Metamorphosen geschehen, besonders zwischen 1939 und 1945.“
Den Rest des Abends loben sich Förderkreis und Gewerbetreibende gegenseitig, dass sie das Topf & Söhne-Gelände „als begehbaren historischen Ort gerettet“ haben. Das sei nur mit dem Herrn Golla als Investor und den ganzen Einkaufsmärkten gegangen. Das Verwaltungsgebäude aus dem Gelände durch die Stadt herauszukaufen wäre unmöglich gewesen. Dafür hätte es kein Geld gegeben. Muss ja stimmen, schreibt ja heute auch die Thüringer Allgemeine Zeitung. Geld gibt es heute um Annegret Schüle zu bezahlen und Geld gab es damals – nämlich 1,2 Millionen Euro – um das Besetzte Haus zu räumen. Und nun gibt es bald, so Schüle, inmitten der Gewerbeansiedlung die „historischen Bilder in der richtigen Blickachse.“ Eine hervorragende „private-public-partnership!“

„“

Protest im neueröffneten Gartencenter auf dem ehemaligen Topf- & Söhnegelände


01. März 2010
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