Was ist was? Kritische Theorie. aus der vertigo, dezember 2002

Die kritische Theorie:
Frankfurter Schule = Marx + Freud

Die Kritische Theorie ist die Theorie der „Frankfurter Schule“. 1924 hat sich eine Gruppe von Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen zusammen gefunden und mit freundlicher Unterstützung des sozialistischen Millionärs Felix Weil das Frankfurter Institut für Sozialforschung gegründet.
Ziel des Instituts war eine zeitgemäße Erweiterung der Gesellschaftstheorie von Karl Marx, bereichert um die neueren Erkenntnisse der Psychoanalyse. 1933 musste das Institut schließen und emigrierte zuerst nach Genf, später nach New York, wo frühe Studien über Antisemitismus und den „autoritären Charakter“ im bürgerlichen Staat entstanden. 1950 wurde das Institut in Frankfurt wiedergegründet.
Der Publikationen der Frankfurter Schule sind stark beeinflusst durch die Erfahrung des Nationalsozialismus und der Shoa, die gezeigt hat, wie hinter der Fassade der aufgeklärten bürgerlichen Welt „triumphales Unheil“ sich entwickeln kann.
Die prominentesten Vertreter der Frankfurter Schule sind Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Erich Fromm, Leo Löwenthal und Herbert Marcuse.

Eine kritische Theorie:
- Wissen ist im Kapitalismus eine Ware
- Politik schafft den Rahmen für Forschung
-> Wissenschaft ist nicht unabhängig von Gesellschaft
-> kritische Theorie kritisiert im Interesse von Emanzipation

Eine Kritische Theorie einer Gesellschaftstheorie, die sich in bestimmten Punkten von einer traditionellen Theorie abhebt.
Max Horkheimer hat 1936 entworfen, wie sich die beiden unterscheiden lassen.
Photograph taken in April 1964 by Jeremy J. Shapiro at the Max Weber-Soziologentag. Horkheimer is front left, Adorno front right, and Habermas is in the background, right, running his hand through his hair.Am Anfang steht für Horkheimer die Erkenntnis, dass Wissenschaft nicht unabhängig vom Gesellschaftlichen Zusammenhang funktioniert, sondern auf vielfältige Weise eingebunden ist: KeinE WissenschaftlerIn kann also behaupten, als AußenstehendeR auf die Welt zu blicken und ohne jede Befangenheit vom Untersuchungsgegenstand sprechen, als habe sie gar nichts damit zu tun. (Spätestens wenn das Geld für den nächsten Forschungsauftrag ausbleibt, wird sonnenklar, daß der vielzitierte „Elfenbeinturm“, also der Standpunkt außerhalb dessen, was betrachtet wird, nur Illusion ist.)
Einer der Hauptgründe für die Verwobenheit ist bei Horkheimer die Tatsache, daß „Erkenntnis“ und „Wissen“ in einer kapitalistischen Gesellschaft genau so Waren sind wie Sahnetörtchen und Panzer und sich deshalb den selben Marktmechanismen unterwerfen müssen wie diese – Für Raketentreibstoffe gibt es mehr Forschungsmittel als für erneuerbare Energien. Dazu kommt die Institutionelle Einbindung von Wissenschaft in den Uni-Betrieb – jede Studentin kann bestätigen, wie politische Richtungskämpfe in den Hochschulen darüber entscheiden, ob es nun einen Gender- oder einen Betriebswirtschafts-Lehrstuhl gibt.
Daraus folgt für eine kritische Theorie, daß sie sich in bewussten Widerspruch zum Gesellschaftlichen Ganzen begibt. Damit ist die Frage, was sich kritische Theorie nennen darf, auch abhängig von der geschichtlichen Situation: Was im absolutistischen Staat theoretischer Sprengstoff gewesen sein mag (z.B. die Forderung nach Demokratie), hat im bürgerlichen Staat seinen kritischen Gehalt verloren, mehr noch, es kann, indem es sich immer wieder positiv auf bestehendes bezieht („das bestehende affirmiert“), dazu beitragen, daß die Situation sich eben nicht ändert, sondern noch stabiler wird.
Methodisch folgt für ihn, daß es nicht darum geht, viele Regeln zu finden, mit denen das Bestehende besser funktioniert, sondern, daß die Gegenwart im Interesse einer Emanzipation analysiert und kritisiert wird.

traditionelle Theorie:
„Wir sind objektiv und unabhängig“
kritische Theorie:
„Wir sind zumindest so objektiv, daß wir unsere Abhängigkeit reflektieren“

Damit hat eine Kritische Theorie etwas, daß jede andere Wissenschaft ablehnt: Ein Interesse. Dagegen kann ich einwenden: „Wer ein Interesse hat, kann aber doch nicht objektiv sein!“ und Horkheimer würde antworten: „Jede Wissenschaft hat ein Interesse. Kritische Theorie gibt das wenigstens zu und ist dadurch immer noch objektiver als die, die behauptet, kein Interesse zu haben.“

Welche heutigen Gesellschaftstheorien das Etikett „kritische Theorie“ verdienen ist umstritten.

Wenig Kritik im anerkannten akademischen Betrieb

Die derzeit sehr populäre Systemtheorie leugnet nach wie vor, einen Standpunkt zu haben und befangen zu sein, die Modernisierungs-TheoretikerInnen um Ulrich Beck formulieren ganz gewiss keinen Widerspruch zum gesellschaftlichen Ganzen und Habermas, Schüler von Adorno und Erfinder der Theorie kommunikativen Handelns, sagt selbst, daß er keine kritische Theorie mehr macht.
In den Sozialwissenschaften hat sich zudem unter dem Stichwort „Praxisbezug“ eine „Theorie“ ausgebreitet, die nur noch Handlungsanweisungen geben will.

Buttler, Derrida, Focault: kritische Theorie?

Einige Theorien, die – meist von denen, die sie ablehnen – als postmodern oder dekonstruktivistisch bezeichnet werden, erfüllen zumindest meines Erachtens Horkheimers Kriterien, auch wenn sie theoriegeschichtlich aus einer ganz anderen Ecke kommen.
Vielleicht ist es ein deprimierendes Zeichen, daß viele, die sich explizit auf kritische Theorie beziehen, am Rande der akademischen Welt in linken Theoriezirkeln vor sich hin schreiben.

Adorno live ’44:
„Mit dem Auftreten des Odysseus in Ääa nimmt der Doppelsinn Verhältnis des Mannes zur Frau, Sehnsucht und Gebot, bereits die Form eines durch Verträge geschützten Tausches an.“

Bücher der Frankfurter Schule zu lesen ist nicht leicht. Aus der Erkenntnis, daß die Theorien des Aufklärung, die in absolutistischen oder feudalen Zeiten Emanzipation bedeutet haben, letzten Endes Auschwitz möglich gemacht haben, folgte für die AutorInnen, daß sie sich genau ausdrücken wollten. Aus der Erkenntnis, daß fest definierte Begriffe drohen, das, was sie beschreiben, zu verallgemeinern und das Besondere darin zu töten, folgt, daß Horkheimer, Adorno und andere AutorInnen es schaffen, das Sinnieren über eine einzige Aussage über drei Kapitel auzuwalzen, in denen von zehn verschiedenen Seiten an die Sache herangegangen wird.
Zudem, der Satzbau der Werke ist meist komisch und Fremdwörter zu benutzen sind sie nicht abgeneigt, Merkmale, die ihre zeitgenössischen Nacheiferer nicht umhin kommen, nachzuahmen.

Praxis?
Handeln?
Igitt!!!

Wer erwartet aus der Frankfurter Schule Handlungsanweisungen für die politische Praxis ableiten zu können, wird enttäuscht werden: man weiß nach und nach immer genauer, was alles Scheiße läuft, aber nicht, was man dagegen machen kann.
Gerade das führt leider immer wieder dazu, daß sich Adorno-Fans aus den linken Zusammenhängen zurückziehen, um sich entweder in der Aussichtslosigkeit der Lage zu suhlen oder allen armseeligen TrottelInnen, die immer noch meinen, etwas verändern zu können, ihre Naivität aufs Brot zu schmieren.
„So war das aber nicht gemeint!“ können die AutorInnen leider nicht mehr sagen, ich bin mir sicher, sie würden – aber das ist, wie so vieles, umstritten.

Zum Lesen empfehle ich viel Geduld und:
zum Einstieg
„Kritische Theorie“ (Behrens) (gibt’s im Infoladen Sabotnik)
„Adorno, gegen seine Liebhaber verteidigt“ (Koltan) in: Krit. Theorie und Poststrukturalismus
original Frankfurter Schule
„Traditionelle und Kritische Theorie“ (Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 4)
„Dialektik der Aufklärung“ (Adorno, Horkheimer)
zu Antisemitismus
„Dialektik des Antisemitismus“ (Rensmann, in: Antisemitismus – die deutsche Normalität (IL Sabotnik)
„Nationalismus und Antisemitismus“ (Postone) auf: www.krisis.org


6 Antworten auf „Was ist was? Kritische Theorie. aus der vertigo, dezember 2002“


  1. 1 Oxymoron 14. Dezember 2012 um 20:14 Uhr

    But­tler, Der­ri­da, Fo­cault: kri­ti­sche Theo­rie?

    Ei­ni­ge Theo­ri­en, die – meist von denen, die sie ab­leh­nen – als post­mo­dern oder de­kon­struk­ti­vis­tisch be­zeich­net wer­den, er­fül­len zu­min­dest mei­nes Er­ach­tens Hork­hei­mers Kri­te­ri­en, auch wenn sie theo­rie­ge­schicht­lich aus einer ganz an­de­ren Ecke kom­men.

    oh je, vielleicht hätte es die autorin bei Satz 1:

    Die Kri­ti­sche Theo­rie ist die Theo­rie der „Frank­fur­ter Schu­le“.

    belassen sollen…

  2. 2 kinky 15. Dezember 2012 um 3:36 Uhr

    oh, dass dir als bahamas-apologet(1) das von dir gerade zitierte nicht gefällt, ist logisch.
    aber was hast du jetzt an den anderen stellen zu kritisieren, da du nur den ersten satz für erhaltenswert er8est?
    (1) bahamas ist eine antideutsche zeitschrift, apologet bedeutet fan.

  3. 3 Oxymoron 15. Dezember 2012 um 11:39 Uhr

    Die Bahamas ist nicht einfach eine antideutsche Zeitschrift und Apologet bedeutet nicht Fan. Das stört mich auch am Artikel, diese ganzen Vereinfachungen, gespickt von Unwahrheiten. Die Leser werden doch dabei für blöd verkauft und der Inhalt verraten, nur weil man den Anspruch hat, im Kindergarten möge man das jetzt verstehen. Gesellschaft ist ganz einfach eine komplexe Sache und kritische Theorie antwortet in komplexer Weise darauf. So zu tun, als wäre das alles nur Elite-Dünkel gewesen, ist nicht nur unwahr und albern, sondern man verfällt selbst der Dünkelei, nur auf einem völlig abgeschmackten Niveau.

  4. 4 kinky 15. Dezember 2012 um 19:07 Uhr

    Definitionen, jede Erklärung ist notwendigerweise verkürzt.
    Die Fußnote ist ja auch für Leute gedacht, die nicht dein Privileg eines Soziologie- Philosophie- oder Was-auch-immer-Studiums genossen haben. Das mit dem Elite-Dünkel ist schon ne heftige Projektion. Der Artikel ist nun mal als Einstieg gedacht, und gibt dann doch Literatur-Empfehlungen für eine Vertiefung. Elite, so begreifen sich doch Leute wie du, Leute, die exklusiv(1) kommunizieren und gar nicht wollen, dass das jemensch versteht, sich davon bedroht und angegriffen fühlen. Die Bahamas, also Justus Wertmüller, sagt es doch ganz offen:

    Radio Corax: Was ist denn so häßlich an dieser radikalen Linken?
    Justus Wertmüller: Naja fangen wir doch einfach mal mit den Äußerlichkeiten an. Der innere Kern der radikalen Linken besteht ja nun aus relativ verwahrlosten Elendsgestalten, denen man gar nicht zutrauen würde, dass sie einen solch erheblichen Avantgarde(2)-Einfluss auf die Geschehnisse in der Republik haben.
    ( Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=jtF-PUqV87g )

    Die Avantgarde ist bedroht. Die Avantgarde, die selbstredend ihre Kinder aus ökonomischen Zwängen gar nicht in den Kindergarden schicken muss, sondern sich ein Kindermädchen! leistet, welches aus Adorno vorliest. Eine Elite, die in ihrem Elfenbeinturm, ja, jetzt habe ich das Wort auch mal benützt, sitzt, um den Status quo(2) zu zementieren, dadurch dass man Menschen von Wissen ausschließt.
    Das stört mich.
    (1) ausschließend
    (2) etwa geistige Spitze-Elite, Vorreiter, von franz. avant = vorn, garde = Führungstruppe
    (3) der Ist-Zustand

  5. 5 kinky 15. Dezember 2012 um 19:33 Uhr

    P.S. Ja, eine Avantgarde zu konstruieren oder zu reproduzieren kann problematisch sein. Hier ist es aber eine Selbst-Zuschreibung der Bahamas-Antideutschen.

  6. 6 1 17. Januar 2013 um 15:04 Uhr

    Warum ist jede Erklärung (oder Definition) notwendig verkürzt? Und warum genau diese Erklärung ihrer Bestimmung nach so total richtig, wo sie doch gerade den Beweis zum Gegenteil anzutreten gedacht war?

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