Sexuelle Codes. dokumentiert aus der Spunk, april 2002

Nonverbale Codes existieren viele. Menschen lächeln, verziehen ihr Gesicht oder sagen gar nichts, wenn eine Antwort nötig wäre.
In keinem Bereich ist aber die nonverbale Kommunikation der verbalen so überlegen wie der Sexualität. Hier ist der verbale Anteil so gering, daß Tips über ihre Anwendung ganzer Hefte Inhalt füllen: „Was Jungs wirklich denken“, „Wie du sagst, was du willst“ und „Ich trau mich nicht“ lauten so die Überschriften einschlägiger Publikationen.
Im Rahmen bekannter gesellschaftlicher Codes muß jedes Individuum, das sexuelle Wünsche hat, eine eigene, für sich passende Taktik im Laufe des Lebens entwickeln, doch an den ersehnten Spaß sexueller Lüste zu kommen.
Das ziemlich peinliche „Willst Du noch auf einen Kaffee mitraufkommen“ gilt als zu platt.
Das gilt qua bürgerlicher Vorstellung bis zur vollkommenen Durchdringung des Lebens.
Menschen trennen sich in Weiblein und Männlein, schminken sich, kaufen sich tolle Kleidung, verhalten sich möglichst attraktiv.
Und es ist genau die Ambivalenz der Taktik, die einerseits den Zwang hat(1), immer etwas zu verheimlichen, um nicht zu deutlich zu werden, die andererseits aber auch von vielen als Spaß machend empfunden wird (Flirten, zweideutige Blicke, …)
Jede Frage hingegen, die an eine Person des anderen Geschlechts gestellt, gar sexuelles Anliegen hat, wird somit sexualisiert. Das Interesse, eine Person anderen Geschlechts kennenzulernen, ohne Sex einzuschließen bzw. indem Sex explizit ausgeschlossen wird, wird dann als sexuelles Interesse umgedeutet. Die Frage „Wollen wir mal n Bier zusammen trinken?“ an eine Person anderen Geschlechts kann schon so zuviel werden(2). Der Person des gleichen Geschlechts wird mensch mit den Codes aber wohl nicht näher kommen und als „rein platonisch“ verstanden, weil sie vielleicht nicht erkannt werden oder von Heterosexualität als Norm ausgehen, denn Lust ist entweder heterosexuell oder sie ist es nicht.

Praxis

Was macht mensch nun, wenn mensch eine nette, bekannte oder auch unbekannte Person getroffen hat, die für eine Verabredung zum netten Plausch und Konsensfindung über sexuelle Vorlieben und anschließenden Praxisworkshop möglich erscheint? (3)
Ist das vergleichbar mit der Situation, wenn ich ein Mal mit x Volleyballspielen will oder auch länger und mit y nicht mehr oder nur mal gucken, wie es sich ergibt?
Ach, Quatsch, wir sind ja jetzt beim Hobby Sex und nicht Musik. Oder etwa doch? (4)
Das ein oder andere lesende Wesen kennt das Prozedere, das mit diesem anstrengenden Hobby verbunden ist; auf Zeichen achten, die Person zufällig berühren, heute mal zum Kaffee einladen, morgen mal zu der Verabredung über die neue deutsche Außenpolitik und dann
„Toll, er/sie/es hat mich gefragt, ob ich bei ihm/ihr übernachten kann.“
(„Hm, heißt das jetzt DAS?“)
Der anderen geht es vielleicht nicht anders. Und wenn der eine Schritt vor dem anderen kommt oder jemand mal für ne Woche weg muß, vielleicht ist das Ritual schon unterbrochen? Und beide kommen nicht dazu, miteinander Sex zu haben.
Sollten sie diese erste Hürde überstanden haben, einen Ort zu finden, an dem mensch es sich gemütlich machen kann, kommt Schritt zwei: wieder das ewige Austesten, ob die andere eben „nur Kuscheln“ oder gar Sex will.
Aber: Warum haben sich die beiden nicht einfach zum Sex verabredet?
Ohne davor oder danach ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, allein die Frage (ohne agressives Angemache) gestellt zu haben. Wenn danach für das befragte Individuum keine Repression (z.B. „eh, Du bist scheiße“ oder „frigides Ding“) entsteht, ist es auch möglich, einfach Nein zu sagen.

Hetero(sexuelle) Gewalt

Auch wenn der Faktor des Missverstehens bei dieser Form der Interessendeklarierung kleiner wird, hat ihre Propagierung auch Nachteile. Denn auch in der heutigen Welt erklären Menschen anderen Menschen, wenn sie Sex wollen. So kann eine plumpe Anmache durch Worte, der Zwang zum Geschlechtsverkehr oder ein Berühren sexualisierter Körperteile als ein mehr oder weniger großer Wunsch nach Sexualität gedeutet werden.
Diese Handlungen gilt es zu kritisieren. Zu kritisieren ist, daß die Handlung körperlich war und daß sie auch beleidigende Zeichen, Wörter oder ähnliches enthält, nicht aber, daß es eine kurzfristige Idee des Austausches von Sexualität gab.
Damit wäre es nicht richtig zu kritisieren „Der Mann xy will Sex von mir.“ (implizierend: Ich aber nicht.). Vielmehr, daß sich die Individuen in einem gesellschaftlichen Machtverhältnis zueinander bewegen, worüber das anmachende Individuum (empirisch eher Männer) nicht reflektiert und vielleicht auch noch nie reflektiert hat.
Fraglich bei der ganzen konstruierten Situation ist aber eigentlich, ob die sexuelle Äußerung sowieso nur auf einer reinen Demonstration des Machtverhältnisses beruht.
Doch wo ist die Grenze zwischen Wunsch nach Sex und Demonstration der männlichen Diskursmacht?
Oder ist in dieser Gesellschaft davon nicht zu abstrahieren und (Hetero-)Sexualität ist immer auch eine Demonstration und Reproduktion des Machtverhältnisses?

Kapitalismus

Kann nach dem kurzen Exkurs über das Drama der Wunschäußerung in einer immer noch von Markt und Diskursmacht bestimmten Welt nun gesagt werden: böse AnhängerInnen kapitalistisch-bürgerlicher Vorstellungen mit Drang zu ewigen Beziehungen hier und gute KommunistInnen mit wahrheitsgemäßer Angabe aller Wünsche dort?
Eher nicht. Ein herrschaftsfreies Leben ohne die Überwindung der Verhältnisse ist nicht möglich, sondern nur eine praktische Form, wie am besten mit der Macht des Marktes umgegangen werden kann, so daß es allen einigermaßen OK geht. Dieser Text kann nur erst einmal in soweit Anregungspunkte dafür geben, wie welcher Bereich des Lebens von Markt und bürgerlich-christlicher Moralvorstellung geprägt ist. So ist nicht zu leugnen, daß unser Vorschlag Affinitäten zu dem Leben vieler Individuen des späten, krisenbehafteten Kapitalismus hat, die sich in ihrer Lebensart dem migrantischen Leben angepasst und sich von strengen Beziehungsmustern gelöst haben. Sie führen jetzt ein Jahre dauerndes Single-Dasein, in dem sie sich der Flexibilisierung der Arbeitskraft angepasst haben, ohne den Traum vom Familienleben aufgegeben zu haben, und drängen sich voller Codes behaftet und sie auch anwendend durch Discos.(5)

Fazit: Ein Fazit haben wir selber nicht, sondern stecken noch in einer Diskussion über:
Codes, lästiger oder prickelnder Zusatz von Balzverhalten?
Kann mensch sich Termine zum Ficken machen oder geht das nicht so einfach, weil Sex doch etwas Besonderes sein sollte?
Sollte mensch Codes ignorieren, selber welche versenden oder einfach ansprechen?
Hilfe, der Briefkasten verhungert!
w.iralle@[…ausgelassen,k]

Für eine Welt, in der Ficken nebensächlich ist.

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(1) Sexualität gilt immer noch als Tabu, weil sie in die Sphäre des Privaten (Fehler im Original,k) und ist somit das kostbarste „Gut“, das ein Mensch in einer Beziehung einem anderen geben kann.
(2) und so passiert es auch, daß bestimmte Verhaltensweisen als Code gedeutet werden, für die sie nie stehen sollten
(3) Passiert nicht? Eher verliebt und mit der Person ein Leben lang (oder zumindest so lange mensch sich die Zukunft vorstellt) verbringen? Hm, auch ne Möglichkeit.
(4) (Andererseits treffe ich mich auch, wenn ich Leute nicht kenne, um sie näher kennen zu lernen und nicht um mein ganz dringendes Bedürfnis Volleyballspielen zu befriedigen; anders liegt die Sache, wenn ich Leute schon länger kenne und ich schon Vertrauen entwickelt habe, dann kann man auch einfach mal so Volleyball spielen.
(5) Aktuellste Beispielzeile in der Popkultur sind die Liedzeilen: „I noticed you around, I find you very attractive, would you go to bed with me?“ einer uns nicht mit Namen bekannten Interpretin und „I bring you free love. To make it clear, this is free love: no hidden catch, no strings attached“ von Depeche Mode.


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