Deutschland als moralische Supermacht.
Erfurt das Zentrum.
Mittel: Der Erinnerungsort auf dem Topf & Söhne-Gelände

Form: Bereinigung des Geländes
Martialische Räumung des Besetzten Hauses im April 2009. Nach dem Abriss aller – außer des Verwaltungsgebäudes – historischen Gebäude auf dem Topf- und Söhne-Gelände wurden Einkaufsmärkte, Parkplätze und im Verwaltungsgebäude der Erinnerungsort errichtet. Preisgekrönt versteht sich:

Architekturpreis für Erfurter Erinnerungsort „Topf & Söhne“.
Gold gab es für die Gestaltung des Erinnerungsortes auf dem Gelände des Krematoriumsherstellers für Auschwitz.[1]

Inhalt: Bereinigung der Vergangenheit
Kapitalismus, was sonst?

Nach der Räumung des Besetzten Hauses wurde das Gelände der kapitalistischen Verwertung wieder überantwortet. Dass dies mittels Fressnapf, Drive-Bäckerei oder Eigentumswohnungen realisiert wird liegt klar auf der Hand. Doch wie lässt sich aus dem Verwaltungsgebäude mit der Ausstellung, die keinen Eintritt kostet, Gewinn erzielen? Als praktischer Werbeträger für die Stadt Erfurt, mehr noch für die Stadt Erfurt in Deutschland.

Vorspiel: Die Wanderausstellung Topf & Söhne
Die Ausstellung war vorher schon auf Europa-Tournee. Ziel?

„Die Ausstellung trägt dazu bei, im Ausland zu zeigen, dass Deutschland mit seiner Vergangenheit kritisch umgeht“[2]

so Ausstellungsleiterin Annegret Schüle im März 2010. Oder wie Stadtmuseumsdirektor Hardy Eidam sagte:

die Stadt Erfurt könne nicht nur mit goldenen und glänzenden Dingen aus der Geschichte zu einem guten Image beitragen.[3]

Deutschland in den 1990ern: Krieg führen nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz! Erfurt 2010: Deutschlands hat ein gutes Image nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Natürlich wegen seines vorbildlichen Umgangs damit.
Damit will ich nicht sagen, dass die Ausstellung per se blöd ist, die Ziele die damit propagiert werden sind es.

August 2011: Deutschland als moralische Supermacht.
Erfurt das Zentrum.

Am 13. August weiß die Thüringer Allgemeine zu berichten:

15 muslimische Studierende, die am Sommerkurs „Muslims in the West“ der Universität Erfurt teilnehmen, erfuhren am Erinnerungsort im Sorbenweg gestern aber nicht nur etwas über den Anteil der Erfurter Ingenieure am Holocaust.
Daberstedt. „Sie erfahren hier auch, wie offen und kritisch in Deutschland mit der schrecklichen Vergangenheit umgeht“, sagt Professor Jamal Malik vom Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität, der die Summer School organisiert hat, zum inzwischen zehnten Mal.

„Damit ändern wir ihr Leben radikal“, ist Malik sich sicher. Denn in vielen ihrer Herkunftsländer – Indien, Bangladesh, Pakistan, Türkei oder Bosnien – wurden oder werden ethnische Gruppen wenigstens ausgegrenzt oder gar ausgelöscht. Und dieses Thema im eigenen Land tabuisiert. Da könnten Deutschland und Erfurt Vorbild sein für einen offeneren Umgang, glaubt Malik, der mit den Studierenden auch Buchenwald besuchte. „Sie kehren selbstkritischer zurück, dies ist ein zentraler Punkt in ihrem Leben“, ist der Professor sich sicher.[4]

Es wird nicht nur ein Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit gezogen, das Tätervolk wird nicht nur zu einer geläuterten Nation, nein vielmehr es wird zu einer Vorbildnation, zu einer moralischen Supermacht. Den dummen Moslems wird mal überlegen gelehrig gezeigt, was Demokratie ist! Das ganze in einem Bundesland, wo Flüchtlinge mit Zahnschmerzen nicht behandelt, sondern ihnen die Zähne gezogen werden.[5] Werden in und durch Deutschland Menschen wenigstens ausgegrenzt oder gar ausgelöscht? Nein, keine Angst, es gibt keine Flüchtlinge in Lagern, denen Gutscheine zugeteilt werden und Flüchtlinge im Mittelmeer sterben auch nicht dank deutscher Unterstützung. Alltäglicher Rassismus, Antiziganismus, Abschiebungen, Antisemitismus und Arbeitswahn? Gibt es hier nicht. Besonders natürlich nicht in Erfurt!

Quellen:
[1] Thüriger Allgemeine vom 20.07.2011, http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Architekturpreis-fuer-Erfurter-Erinnerungsort-Topf-Soehne-128790061
[2] Thüringische Landeszeitung, 03.03.2010 http://www.topf.squat.net/texte/presse/2010_03_03_tlz.html
[3] zitiert nach ebd.
[4] Thüriger Allgemeine vom 13.08.2011, http://erfurt.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Muslimische-Studenten-bei-Topf-Soehne-302242265
[5] Thüringer Flüchtlingsrat 27.07.2011, http://www.fluechtlingsrat-thr.de/index.php/presse/361-zaehne-ziehen-statt-behandeln; Thüringer Allgemeine 28.07.2011, http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Zaehne-von-Asylanten-werden-gezogen-und-nicht-behandelt-666678436


0 Antworten auf „Deutschland als moralische Supermacht.
Erfurt das Zentrum.
Mittel: Der Erinnerungsort auf dem Topf & Söhne-Gelände“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

:) :( :d :"> :(( \:d/ :x 8-| /:) :o :-? :-" :-w ;) [-( :)>- more »

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs × = dreißig