„Welches Gewerbe passt zu den Ofenbauern von Auschwitz?“

Immer wieder stellt Historikerin Annegret Schüle diese Frage. Und beantwortet sie schließlich selbst: Supermärkte nicht. Aber ein Bäcker, ein Gartencenter und ein Fressnapf. Aber von Anfang an berichtet:
Nachdem das Gartencenter auf dem ehemaligen Topf & Söhne-Gelände mit schönen Grabgestecken und die elmi-Bäckerei mit „ofenfrischen Brötchen“ auf „dem ehemaligen ‚Topf & Söhne‘-Gelände“ warben und dafür in einer Pressemitteilung kritisiert wurden, kam der Förderkreis Topf und Söhne zu Hilfe und verteidigte die armen Gewerbetreibenden. Gestern wurde in die Bäckerei eingeladen um „die Versöhnung von Wirtschaft und Erinnerung“ (Infoladen Sabotnik) zu feiern. Leckere Brötchen frisch aus dem Ofen gab es nicht, dafür durchschnittlichen Kaffee und arg trockenen Schokoladenkuchen.
Bei der Vorstellung der Anwesenden vergaß Rüdiger Bender, Chef des Förderkreises, nicht zu erwähnen, dass der Chef der elmi-Bäckerei „Pate für eine Gedenkstele“ ist. Die sind zwar noch nicht fertig, weil das baulich so schwierig ist. Ein paar Einkaufsmärkte zu errichten ist da einfacher und auch wichtiger. Wie überhaupt die Vermarktung des Geländes Priorität hat.
Besonders schlimm für die Gewerbetreibenden und den Förderkreis ist, dass Linke-Abgeordnete und DBG-Organisationen die kritische Pressemitteilung unterschrieben haben. Die Werbung ist nicht pietätlos und damit Punkt. Aber auch ein Überlebender des KZ Buchenwald hat doch auch die Erklärung unterschrieben. Na und? Definieren, was pietätvoll ist, tun Förderkreis und Händler_innen. Bender: „Hier findet Handel und Wandel statt. Das ist produktive Irritation.“ Worin bei der jetzigen kapitalistischen Verwertung diese „produktive Irritation“ genau liegt, vermag er nicht zu sagen. Und überhaupt sollen sich die Leute wegen der Werbung mal nicht so haben: „Topf & Söhne war die Zerstörung jeglicher Form von Grabkultur. Das Gegenteil davon ist, im Gartencenter einzukaufen.“ Für den Totensonntag. Für die eigenen Angehörigen: „Das ist pietätvoll!“
Aber na gut, da sich so viele aufregen, verspricht schließlich die Bäckerei nicht mehr mit „Brötchen frisch aus dem Ofen“ zu werben, sondern mit „stündlich frischen Waren“. Man ist ja Geschäftsmensch und negative Publicity ist schlecht fürs Geschäft. Die elmi-Bäckerin weiß: „An diesem Ort sind Metamorphosen geschehen, besonders zwischen 1939 und 1945.“
Den Rest des Abends loben sich Förderkreis und Gewerbetreibende gegenseitig, dass sie das Topf & Söhne-Gelände „als begehbaren historischen Ort gerettet“ haben. Das sei nur mit dem Herrn Golla als Investor und den ganzen Einkaufsmärkten gegangen. Das Verwaltungsgebäude aus dem Gelände durch die Stadt herauszukaufen wäre unmöglich gewesen. Dafür hätte es kein Geld gegeben. Muss ja stimmen, schreibt ja heute auch die Thüringer Allgemeine Zeitung. Geld gibt es heute um Annegret Schüle zu bezahlen und Geld gab es damals – nämlich 1,2 Millionen Euro – um das Besetzte Haus zu räumen. Und nun gibt es bald, so Schüle, inmitten der Gewerbeansiedlung die „historischen Bilder in der richtigen Blickachse.“ Eine hervorragende „private-public-partnership!“


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