Archiv für Juli 2010

Plünderungen in Erfurt

Ein Mensch nimmt ohne zu bezahlen aus verschiedenen Geschäften „Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs“ sowie zwei Topfpflanzen mit. Für die sensationsgeile Lokalzeitung Thüringer Allgemeine gleich mal Grund zu titeln:

Die Person wird im Laufe des Artikels tituliert mit:
„Ladendieb“, „Langfinger“, „Meisterdieb“, „Dieb“, „75-Jähriger“, „Mitsiebziger“, „Rentner“, „Senior“.
Hingegen werden die Bullen euphemistisch als „Streifenteam“ bezeichnet. Dieses nimmt ihn in Gewahrsam, nachdem die Blumengeschäftsinhaberin ihn „gemeinsam mit einem Passanten“ festgehalten hatte. Eine solche Blockwartmentalität scheint in Erfurt weit verbreitet zu sein. Der letzte Satz des TA-Artikels:

„Der 75-Jähriger ist der Polizei bereits als Ladendieb kannt.“

Ähm… verstehe. Und so gefährlich, dass er gleich mal einer erkennungsdienstlichen Behandlung unterzogen wird.

Sunshine

Fliegvogelflieg hat einen neuen fetzigen Minimal-Mix online gestellt. Link: http://fliegvogelflieg.blogsport.de/2010/07/08/sunshine

Vuvuzela gegen rechts.

Gesehen letzten Samstag bei den Aktionen gegen das Nazi-Festival „Rock für Deutschland“ in Gera (Bericht bei indy: hier. ) und geplant auch demnächst in Hildburghausen, so berichtet der Infoladen: http://sabotnik.blogsport.de/2010/07/14/24-7-2010-nazi-demokonzert-in-hildburghausen

Wände in Jena (2)


klick

Fußball-WM: Argentinien – Deutschland. Public Viewing in Thüringen im Spiegel der Regionalzeitungen.

Seit Beginn der WM jubeln die in Thüringen unter verschiedenen Namen agierenden aber mittlerweile gleichgeschalteten Zeitungstitel der WAZ-Gruppe vor allem das Public Viewing hoch. So auch in der Berichterstattung zum Spiel Argentinien – Deutschland am vergangenem Samstag:

„Wahnsinn! Einfach unglaublich, was die blutjunge Nationalelf am Samstag gegen die Gauchos abgeliefert hat.“ (1)

Das Duell „unserer Jungs“ gegen die argentinischen Vieh-Treiber, sprich Gauchos halt. Die Deutschen wären doch keine Deutschen, wenn nicht

„auch in der Kleingartenanlsage Public Viewing angesagt ist. Als Deutschland gegen Argentinien gewann wurden beim Freudentanz nicht mehr auf die Beete geachtet.“(2)

(Die vielen Schreibfehler sind übrigens drin, weil sich die Zeitungen heutzutage keine Lektor_innen mehr leisten können / wollen.) Aufschlussreich ist auch der Bericht aus Eisenach zum ach wie schön-patriotischen Public Viewing im Bierzelt:

„Die Zeltstimmung ist derb und einmalig. […] Einige buhen, als die argentinische Hymne zu hören ist. Viele umfassen die Schultern ihrer Nebenleute, als ‚Einigkeit und Recht und Freiheit‘ erklingt. Es wird mitgesungen.“(3)

Ja anders als diese Ausländer in unserer MANNschaft. Beim Singen der Hymne, da sind WIR vereint und es bietet sich eine der wenigen Möglichkeiten zu körperlicher Nähe ohne gleich dem Verdacht ausgesetzt zu sein, schwul zu sein. Das gibt es unter Fußballern nämlich nicht. Doch nicht alle sind so vorbildlich dabei:

„Im Zelt sind viele, die sonst kein sonderliches Interesse an Fußball haben. Sie fangen an zu schwatzen, zu rauchen.“(3)

Was die sich erlauben! Und auch in Jena wollen nicht alle ihrer Rolle gerecht werden. Das heißt die Frauen, die der deutschen Wirtschaft helfen sollen:

„Für die Händler der Jenaer Innenstadt hat der Trubel um den Fußball bislang kein zusätzliches Geschäft gebracht. […] ‚Die Rechnung, Männer gucken Fußball, Frauen gehen shoppen geht nicht auf‘, sagte eine Verkäuferin“(4)

Aber egal, richtige Fans wie

„auch der erst siebenjährige Justin, der gern Traktorfahrer oder Fußballer werden möchte.“(5)

sind ganz esoterisch-patriotisch mit ihren Idolen verbunden:

„Warum er trotz Hitze beim Public Viewing dabei ist? ‚Damit Deutschland gewinnt‘, kam es wie aus der Pistole geschossen. Klar, sein Idol Lukas Podolski musste das einfach gespürt haben: Der kämpfte und rackerte, wie lange nicht mehr.“(5)

Und spielt auf Klose, der das 2:0 schießt:

„‚So sehen Sieger aus, schala-lala-la‘, schreit es aus freudetrunkenen Jungmänner-Kehlen.“(3)

In Eisenach sind halt richtige Männer am Start, während wir bei den Erfurter Kleingärtnern was zum Wesen des Thüringers lernen dürfen:

„Nach der vergebenen Chance von Klose in der Mitte der zweiten Halbzeit machte sich wieder Ernüchterung breit. Thüringer sind emotional eben eher wechselwarm.“(2)

Und so thüringen-tolerant, dass auch Fremde mitmachen dürfen:

„Ein dreijähriger Junge ruft seine Freude heiser in die Stadt: „Deutschland gewinnt. Immer!“ Der Junge ist angezogen in den deutschen Trikotfarben und wedelt eine schwarz-rot-goldene Fahne. Sein Gesicht ist asiatisch.“(3)

Okay, stört nicht weiter: Die Gesichter der anderen sind arisch. Mit folgendem ist er vorerst noch nicht gemeint:

„‚Ihr könnt nach Hause fahr‘n', sangen nach dem Abpfiff nicht nur die Fans im Radlertreff in Frömmstedt.“(6)

Die Analyse:

„‚Ein super Spiel‘, zeigte sich Sebastian Schmidt von den Zschöpeler Heimatfreunden e. V. begeistert. […] ‚Unser Halbfinalgegner kann sich schon mal warm anziehen.‘“(7)

Ja, die spanische Fußball-Nationalmannschaft der Männer zittert bestimmt schon vor der Reise zu den Heimatfreunden in die

„große Halle der Agrargenossenschaft Ponitz (Altenburger Land)“(7)

He noch mehr Ausländer:

„‚Wir haben immer an Deutschland geglaubt‘, jubelte Jünger Sobotta, die Thailänderin hatte ihre Freundinnen dabei und schwenkte nicht ganz ohne Selbstironie einen schwarz-rot-goldenen Putzwedel.“(5)

Wie es sich für Frauen halt gehört.
Der Höhepunkt des investigativen Journalismus findet sich jedoch in der Zeulenrodaer Lokalzeitung, die aus Greiz berichtet:

„Vielleicht war der Jubel auch deshalb so groß, weil die deutsche Elf uns vor dem Anblick des nackt durch Buenos Aires flitzenden Diego Maradona bewahrt hatte. Damit hatte der argentinische Nationaltrainer nämlich gedroht, sollte seine Mannschaft gegen Deutschland siegen. Dass das keiner sehen will, darüber waren sich die Fans in Greiz einig und offenbar auch die Löw-Elf.“(8)

Pfui also wirklich. Da ist doch ein nackter Mob besoffener fahnenschwenkender Idioten viel besser. Zum Beispiel beim Erfurter Autokorso:

„der Jubel brach sich Bahn. Und so in der gesamten Stadt: Zeitweise bis zu 600 Autos im Korso waren unterwegs. ‚Alle verhielten sich sehr diszipliniert‘, so Jürgen Krupke von der Polizei.“(2)

Typisch deutsch eben.

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Quellen:
1) http://sondershausen.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Halbfinaleinzug-ausgelassen-gefeiert-304554418
2) http://erfurt.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Fussballfans-feiern-in-der-Kleingartenanlage-Marienhoehe-229103322
3) http://eisenach.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Ausnahmezustand-nach-dem-4-0-Sieg-ueber-Argentinien-818077078
4) http://jena.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Jena-singt-Finale-Impressionen-vom-Public-Viewing-1397942084
5) http://gera.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Geraer-Fussballfans-im-Hitzekessel-735881016
6) http://soemmerda.thueringer-allgemeine.de/web/soemmerda/startseite/detail/-/specific/Fussballfans-im-Landkreis-im-Weltmeisterschaftsrausch-1434916412
7) http://gera.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Ostthueringen-jubelt-ueber-Fussball-Gala-2026827245
8) http://zeulenroda.thueringer-allgemeine.de/web/lokal/detail/-/specific/Greiz-Mini-Duschen-zum-WM-Riesen-Erfolg-554371511